Aus dem Markt

Vier Uhr morgens: was im Zürcher Engrosmarkt wirklich passiert

Michele könnte online bestellen. Er tut es nicht. Was in zehn Jahren zwischen den Ständen entstanden ist, lässt sich nicht liefern.

Michele Metz

Michele trägt im ersten Morgenlicht eine Kiste Erdbeeren durch den Zürcher Engrosmarkt

Um vier Uhr morgens ist der Zürcher Engrosmarkt schon wach. Die Lastwagen stehen seit einer Stunde, die Hallen sind hell, und wer jetzt kommt, sieht die Ware, bevor sie verteilt wird.

Unsere Küche steht mitten drin. Das ist kein Standortdetail, sondern der Grund, warum unser Essen schmeckt, wie es schmeckt.

Warum wir nicht bestellen

Eine Bestellung ist eine Liste. Man schreibt hin, was man zu brauchen glaubt, und bekommt, was verfügbar ist. Zwischen dem Schreiben und dem Liefern liegen ein paar Tage, in denen sich niemand die Ware ansieht.

Am Markt läuft es andersherum. Man sieht zuerst, was heute gut ist, und schreibt das Menü danach. Der Fenchel, der heute Morgen besonders schön ist, steht am Abend auf dem Teller. Was nicht überzeugt, kommt gar nicht erst mit.

Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Über zehn Jahre ist es der grösste, den wir haben.

Michele wählt Microgreens im Regal aus: Einkauf frischer Zutaten in Zürich
Erst schauen, dann schreiben: Michele mit der Einkaufsliste am Regal.

Was zehn Jahre bei denselben Händlern bedeuten

Am Anfang ist man ein Kunde unter vielen. Nach ein paar Jahren kennt man die Namen. Nach zehn Jahren zeigt einem jemand eine Kiste, bevor sie auf den Stand kommt, weil er weiss, dass man sie nimmt.

Das ist nichts, was man kaufen kann, und es steht in keinem Katalog. Es entsteht nur dadurch, dass man jeden Morgen kommt, auch an den Tagen, an denen man wenig braucht.

Unser Gemüsehändler hat die Adresse nebenan, Aargauerstrasse 1B. Zwischen seiner Halle und unserer Küche liegen ein paar Schritte.

Die Ware, die es nicht in den Handel schafft

Ein Laden braucht Früchte, die drei Tage Logistik überstehen. Eine Küche, die heute Abend kocht, braucht Früchte, die heute Abend perfekt sind.

Das sind nicht dieselben Früchte.

Was für den Handel zu reif ist, zu wenig für eine Palette oder zu unregelmässig für die Norm, landet oft gar nicht erst im Verkauf. Für uns ist es genau richtig. Aprikosen auf dem Punkt, Tomaten, die man nicht transportieren kann, ein halber Kasten Erdbeeren, der heute weg muss.

Genau daraus entstehen die besten Gänge.

Wie ein Menü am Stand entsteht

Manchmal steht das Menü vorher fest, weil ein Gast sich etwas gewünscht hat. Häufiger ist es umgekehrt.

Man geht durch die Hallen, sieht drei Dinge, die zusammenpassen, und hat den Gang. Die Heidelbeeren neben dem jungen Spinat, das Risotto dazu. Der Fenchel mit Orange und Grapefruit. Die Walliser Aprikosen, karamelisiert mit Honig und Baumnüssen.

Kein Küchenchef schreibt so ein Menü am Schreibtisch. Es entsteht zwischen zwei Ständen, um Viertel nach vier.

Und danach

Um sieben ist eingekauft, um acht ist die Küche in Betrieb, und am Abend steht auf Ihrem Tisch, was Michele am selben Morgen in der Hand hatte.

So herum, nicht andersherum.

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